DGS: Deutsche Gebärdensprache

In der Deutschen Gebärdensprache - kurz DGS - werden Worte durch Gebärden gebildet und zu funktionaler Syntax verbunden.

 

Der DGS mächtige Gehörlose sind also mitnichten stumm, denn sie sprechen eine visuelle Sprache, die von jedermann (und -frau) erlernt werden kann. Dabei sind regionale Dialekte übrigens genauso beachtlich wie fremdsprachliche Barrieren etwa zur American Sign Language (ASL).

 

Bei einigen Gebärden besteht Verwechslungsgefahr mit Pantomimen. Nicht ohne Grund - denn Gegenstände lassen sich gut mit den Händen nachbilden, Tätigkeiten mit dem ganzen Körper simulieren, Reaktionen zum Beispiel auf einen Geschmack mit dem Gesicht ausdrücken. Aber auch abstrakte Begriffe wie "Hunger" oder "Zeit" finden ihren Platz in der DGS, sodass insgesamt eine vollwertige, wenn auch etwas andere Sprache die komplette Bandbreite menschlicher Kommunikation abdeckt - vom Fingeralphabet bis zur Wissenschaft.

 

Taubstumm war gestern: DGS und stolz drauf ist die moderne Devise!

deaf: [dɛf]


Kultur statt Behinderung!

 

Gehörlosigkeit ist schon lange aus dem Schatten der körperlichen Beeinträchtigung getreten. Vor Jahrhunderten als Unwilligkeit zum Sprechen in den damals ominösen Bereich der Geisteskrankheiten eingeordnet, wurden Gehörlose ursprünglich als vermeintliche Behandlung gefoltert, um sie bestimmt aber grausam zum Sprechen zu motivieren. Später trieb das Motto "Zu dumm zum Sprechen - gut genug zum Arbeiten" sie zu körperlicher Arbeit auf Feldern und Baustellen.

 

Aber Intelligenz wird keineswegs durch die Fertigkeiten des Gehörs bestimmt. Aus dem Stolz auf die Vorzüge eines ausdrucksstarken Miteinanders ist die Deaf Culture entstanden, eine eigene Kultur der Gehörlosen, die sich durch Offenheit und aktive Interaktion auszeichnet. Die gemeinsame Unabhängigkeit vom Gehörsinn schafft dabei eine gewisse Abgrenzung von Hörenden, jedoch auf gar keinen Fall eine Ausgrenzung.

 

Deaf heißt gehörlos, deaf heißt anders, deaf heißt stolz.

Grammatik - SOP


Subjekt, Objekt, Prädikat - so einfach kann es sein.

 

DGS ist eine interpretationsfähige Sprache, bei der ohne entsprechenden Kontext manchmal aus ein paar hektischen Bewegungen beim Gegenüber schon mal ein falscher Eindruck entsteht. Wesentlich sind hierbei möglichst darstellende Bewegungen, die oft auch für Außenstehende selbsterklärend sind (siehe Ball oder gehen). Aber auch abstrakte Begrifflichkeiten finden ihren Platz und spätestens hier kommt man um Vokabelkonventionen nicht mehr herum.

 

Damit nicht jedes grammatikalische Bindeglied in kummulativen Deklinierungen zur Verwirrung beiträgt, reduziert DGS häufig Satzbestandteile auf ein verständlicheres Minimum (was nicht heißt, dass es keine geschwätzigen Gehörlosen gibt...).

 

Insbesondere bedient DGS sich einer vereinfachten Grammatik: Ein vollständiger Satz wird immer nach dem Schema "Subjekt, Objekt, Prädikat" aufgebaut; also zuerst das Wer oder Was, dann das Wen, Wem oder auch Womit und letztlich was auch immer getan wird.

 

Ein Beispiel in Lautsprache:

"Ich möchte mit dir tanzen!"

In der Lautsprache steht hier das Subjekt voran (Ich), gefolgt vom Prädikat (möchte tanzen), das das Objekt umschließt (mit dir).

In der Gebärdensprache fängt man ebenfalls mit dem Subjekt an (indem man auf sich zeigt), macht jedoch mit dem Objekt weiter (indem man auf sein Gegenüber zeigt). Jetzt ist klar, um welche beiden Personen es geht und was fehlt, ist nur noch das Prädikat; man beliebt zu tanzen und schließt damit den Satz ab.

"Ich - du - tanzen! :-)"

 

Prädikatbestandteile wie "möchten" gehen dabei oft im Kontext unter und werden nonverbal vermittelt, hier etwa mit der freundlichen Aufforderung und einem fragenden Lächeln. Konjunktionen wie "mit" besitzen zwar auch Äquivalente in DGS, ihre Relevanz sollte jedoch im Verhältnis zur Verständlichkeit nicht überschätzt werden. Viel abstraktes Herumgefuchtel treibt die Denkansätze des bemühten Gegenübers vielleicht in die falsche Richtung - manchmal ist weniger eben mehr.

 

Adjektive und Adverbiale schließen sich stets ihrem Bezug an: Aus "Eine Frau backt einen großen Kuchen" wird in DGS beispielsweise "Frau - Kuchen - groß - backen". Das subjektive Verständnis von groß kann hierbei durch deutliche Mimik sogar präziser ausgedrückt werden als in der Lautsprache.

 

SOP - zum Nachmachen ausdrücklich empfohlen!

haben - gerichteter Besitz


Hilfsverben wie "haben" und "sein" gehen meist im Kontext unter und werden nicht gebärdet (z.B. "Ich - krank." statt "Ich bin krank.")

 

"Haben" als Besitz dagegen wird auf ganz spezielle Weise dargestellt: Alle Finger der aktiven Handand (siehe aktiv-passive Hände) zeigen auf den jeweiligen Besitzer (ich, du, er/sie/es) und wackeln leicht. Das Mundbild dazu ist der einfache Laut "SCH".

 

Aus der Frage "Hast du einen Stift?" wird damit "SCH - Stift" mit hochgezogenen Augenbrauen. Wer damit gemeint ist, ergibt sich neben dem Augenkontakt aus der Richtung der Gebärde (siehe Transfer-Verben).

Non-versus-bal


60 bis 90% der Lautsprache findet nonverbal bzw. converbal statt.

 

Der Tonfall in einem Satz wie "Es ist rot!" kann diesen von einer sachlichen Mitteilung über eine konstruktive Kritik am Fahrverhalten des Adressaten bis hin zur aufkeimenden Todesangst beim Sprecher in diverse Kontexte einordnen, um nur ein Beispiel zu nennen.

 

Nun kommt die Gebärdensprache bekanntlich ohne Ton aus; das ist schließlich ihr Sinn und Zweck. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass es in der DGS keinen Tonfall gibt!

 

Die 10 bis 40% sachlichen Inhalts verbaler Kommunikation werden auch in der Lautsprache nämlich nicht nur akustisch ergänzt (converbal), sondern auch visuell (nonverbal): Mimik, Gestik, sogar Lokomotorik sind essenzielle Bestandteile einer jeden gesprochenen Nachricht, die ihren Inhalt in gewisse Stimmung versetzen, um ihn emotional-kontextuell einzuordnen. Denn vermittelte Emotionen machen eine Sprache erst lebendig und erheben sie von reinem Informationsaustausch zu zwischenmenschlicher Interaktion.

 

In DGS fallen diese visuellen nonverbalen Bestandteile der zu vermittelnden Nachricht entsprechend stärker ins Gewicht: Das Wie des Was wird aufgrund des wegfallenden Tons umso voluminöser dargestellt in Gesichtsausdruck und Art und Weise der Bewegungsausführung. Gebärdende wirken daher manchmal viel extremer von dem ergriffen, was sie erzählen, und gerade die dabei gerissenen Grimassen erscheinen oft befremdlich für an die Lautsprache gewöhnte Hörende.

 

Vorurteile bringen manchmal sogar vorschnell die "unverhältnismäßige Zurschaustellung" emotionaler Ergriffenheit mit bestimmt verminderter Intelligenz in Verbindung, die ansonsten der Höflichkeit halber doch lieber durch vornehme Illuquenz demonstriert werde. Tatsächlich ist die Gebärdensprache eine aktive, bewegungsfreudige und für manch einen Ungeübten auch durchaus mutige Auseinandersetzung mit dem verborgenen Großteil menschlicher Kommunikation und vielleicht eben gerade der Versuch, diesen ins verdiente Licht zu stellen.

 

Denn zwischen den Worten lauscht der Geneigte ihrer schlummernden Bedeutung.

Mundbild


Gebärden werden nicht aus einem unerschöpflichen Vorrat unmissverständlicher Gesten gewonnen.

 

Schön wär's ja, aber eine Sprache ist immer auf Konventionen zurückzuführen und manchmal kommt es weniger darauf an, wofür sich die schönsten Eselsbrücken bilden lassen, als auf den gemeinschaftlichen Gebrauch ein und desselben Begriffs durch möglichst viele Anwender.

 

Wir müssen uns also darauf einstellen, dass eine einzige Gebärde durchaus mal verschiedene Bedeutungen aufweisen kann. Bei der Kontuierung eines Tannenbaums mit den flachen Händen etwa sowohl für "Dezember" als auch für "Weihnachten" mag das auch gar nicht weiter schlimm erscheinen. Aber: Bremen, lachen und Mittwoch teilen sich beispielsweise den ausgestreckten Zeigefinger am Kinn. Die Interpretationsmöglichkeiten des Gegenübers sind hier auf das Mundbild des Gebärdenden angewiesen, sonst wird womöglich der gesamte Satz ad absurdum geführt.

 

Im Falle unbekannter Vokabeln ersetzt ein deutliches Mundbild oft sogar das Fingeralphabet und ermöglicht so sogar den flüssigen Ablauf komplizierterer Unterhaltungen.

 

Orale Fertigkeiten können überraschend zielführend sein...

aktiv-passive Hände


Hände sind beim Gebärden nicht gleichberechtigt. Wie beim Schreiben gibt es sowohl rechts- als auch linksaktive Präferenzen und es ist jedem selbst überlassen, wo er seine eigenen setzt.

 

Beim Zählen beispielsweise kommt der passiven oder auch Hilfs-Hand lediglich die simple Aufgabe zu, weitere Fünf anzuzeigen, wenn sie denn vorhanden sind. Gezählt wird von Finger zu Finger mit der aktiven Hand - einmal von eins bis fünf und noch einmal neu von sechs bis zehn.

 

Und auch bei anderen Gebärden gibt es ein deutlich zur Schau gestelltes Dominanzverhältnis: Das Amt etwa wird durch eine Faust auf der flachen Hand dargestellt, bei der Entschuldigung streichelt die eine Hand die andere. Oft wird die passive Hilfestellung in der Umgangssprache sogar entbehrlich (das Aufstehen zum Beispiel wird auch erkannt, wenn Zeige- und Mittelfinger nur in die Luft gestellt werden, statt auf die passive Handfläche).

 

Für sehr viele Begriffe reicht darüberhinaus auch die einhändige Ausführung schon zur völlig korrekten Darstellung aus. Ein Becher wird nun einmal mit einer einzelnen Hand gehalten. Eine zweite Hand würde Höchstens ihren Beitrag zur Verwirrung leisten.

 

Einmal entschieden, sollte die Rollenverteilung allerdings nicht ständig verworfen werden. Zwar ist es recht egal, welche Hand zu wieviel Aktivität erkoren wird, jedem nicht-chamäleonischen Zuschauer kommt es aber sehr entgegen, wenn er weiß, auf welche er besonders achten muss.

 

Handliche Rollenspiele erleichtern das Zusehen.

Transfer-Verben - von und zu


Tätigkeiten fast aller Art kann man allein ausführen. Gemeinsam mit anderen bringen sie oft mehr Spaß, manchmal werden sie erst durch Interaktion sinnvoll.

 

Loben zum Beispiel wird man in der Regel jemanden anders, zum Scherz vielleicht sich selbst. Nun könnte man der SOP-Grammattik folgend (weiter oben auf dieser Seite) zuerst auf sich selbst als Subjekt zeigen, dann auf die zu lobende Person als Objekt und schließlich einen angedeuteten Schulterklopfer als Gebärde für das Lob ausführen - und grundsätzlich wäre das natürlich auch nicht falsch.

 

Der Einfacheit halber kann der Bezug eines Verbs jedoch auch in dessen Darstellung gebettet werden. Sogenannte Transfer-Verben weisen durch ihre Richtung sowohl Subjekt als auch Objekt und gegebenenfalls sogar deren Beziehung zueinander auf.

 

Spreche ich jemandem ein Lob aus, deute ich den Schulterklopfer also in dessen Richtung an und schon bedarf es keiner weiteren Erklärung, wer hier wen meint. Folgerichtig landet das Selbstlob dementprechend übrigens auf der eigenen Schulter.

 

Dieses Transferprinzip, das einem Verb sein "Von-und-Zu" gleich einbaut, lässt sich auf sehr viele Tätigkeiten anwenden: Beim Anrufen wird der Hörer vom Anrufenden zum Angerufenen gereicht, man kann jemandem antworten oder aber selbst eine Antwort ehalten, und natürlich kann alles Mögliche in sämtliche Richtungen gegeben werden.

 

Wenn ausschließlich von Dritten gesprochen wird, lassen Transfer-Verben sogar indirekte Rede zu: Sobald klargestellt ist, welche Person wo steht (links/rechts, oben/unten, ...) kann eine Frage einfach von der einen Position zur anderen wandern, um beim anschließenden Wortlaut klarzustellen, wer wen fragt. Mit der Antwort wird anschließend umgekehrt verfahren.

Verneinung: alpha-negativ


Etwas nicht zu tun, mag grundsätzlich recht simpel erscheinen - darzustellen, dass man etwas ganz Bestimmtes unterlässt, erfordert dagegen eine konventionierte Rafinesse.

 

Klar ist wohl, dass die reine Untätigkeit eine Flut willkürlicher Interpretationsmöglichkeiten auf das gewillte Gegenüber einstürzen lässt. Eine sinnvollere Variante ist sicherlich die Nichtigkeitserklärung einer spezifischen Tätigkeit. Möchte man als Fortbewegungsart zum Beispiel das Fahrradfahren ausschließen, ist ein vorangestelltes Nein beziehungsweise Nicht eine legitime Negierung.

 

Oft bietet sich jedoch eine weniger holprige Handhabung an: Die sogenannte Alpha-Negierung schuldet ihren Namen der Linienführung des ersten griechischen Letters ( α ). In diese gehen einhändig ausgeführte Gebärden über, um deren Negativ einigermaßen elegant darzustellen.

 

Etwa bei der Aussage "Ich weiß nicht" geht also der ausgestreckte Zeigefinger von der Schläfe aus zuerst in eine Abwärtsbewegung über, um dann eine Schlaufe zum Körper hin zu formen und schließlich nach unten außen vom Körper weg zu zeigen.

 

Achtung: Ausnahmen bestätigen die Regel!

In seltenen Einzelfällen wiederum wird zur Erkennbarkeit der Fingerposition konventionell auf die Alpha-Negierung verzichtet. Ein Beispiel hierfür ist das Verständnis beziehungsweise eben das Unverständnis. Beides wird mit dem Buchstaben V des Fingeralphabets vor dem Auge ausgedrückt. Sowohl Nicken oder eben Kopfschütteln als auch entsprechende Mimik stellen hier die Ausrichtung der Gebärde dar.